Demografischer Wandel


Seit einigen Jahren rücken demografische Prozesse zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit. Unter dem Schlagwort des „demografischen Wandels“ scheint ein völlig neues Thema im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen zu sein.

Die öffentliche Diskussion beschränkt sich dabei zumeist auf zwei entscheidende Aspekte. Auf der einen Seite werden die mit dem demografischen Wandel im Zusammenhang stehenden Prozesse häufig auf den Einwohnerrückgang und die Alterung reduziert. Andererseits werden diese Entwicklungen ausschließlich als Ergebnis der letzten zwanzig Jahre betrachtet.

Eine Definition des Begriffs „demografischer Wandel“ führt im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung zu dem Ergebnis, dass es nicht „einen Wandel“ sondern eine Vielzahl an Veränderungen mit ebenso vielen Konsequenzen für die Gesellschaft zu gestalten gilt. Der demografische Wandel muss als das Zusammenwirken vielfältiger Prozesse angesehen werden, die bereits seit Jahrzehnten wirksam sind.

Letztendlich kann der demografische Wandel wertfrei als die Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerungsstruktur definiert werden. 
(s.a.
www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/glossar.html, 27.04.2011).

Dabei lassen sich fünf Kernprozesse identifizieren: 

  • Heterogenisierung der Lebensformen,
  • Alterung der Bevölkerung,
  • Individualisierung/Singularisierung
  • Bevölkerungsrückgang („Schrumpfung“ der Bevölkerungszahl),
  • Internationalisierung.

Als eine der wesentlichen Grundlagen des demografischen Wandels müssen Veränderungen gesellschaftlicher Werte angesehen werden. Der Stellenwert der Familie, die nicht mehr vorhandene Notwendigkeit, Kinder als Altersvorsorge oder als Basis für die behördliche Bewilligung einer eigenen Wohnung anzusehen und die veränderten Lebensentwürfe der Männer und Frauen (hinsichtlich Erwerbsbeteiligung und Karrierechancen, Rollenverständnis, Übernahme von Fürsorgeaufgaben etc.) führen u. a. zu weitreichenden Veränderungen der Struktur, Größe und Dauerhaftigkeit der privaten Haushalte (Heterogenisierung der Lebensformen). 

Eine weitere Konsequenz sind sinkende Fertilitätsraten, so dass die Geburtenzahlen unter das für die Bestandserhaltung der Bevölkerungszahl notwendige Maß sinken. In Verbindung mit einer steigenden Lebenserwartung führt dies zur Alterung der Bevölkerung, d. h. einer Veränderung der Anteile verschiedener Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung und einem höheren Durchschnittsalter. Je nach wirtschaftlicher Attraktivität der Region können Wanderungsbewegungen diesen Prozess verstärken (bei Abwanderung) oder abschwächen (bei Zuwanderung), da die Altersgruppen sehr unterschiedlich am Wanderungsgeschehen beteiligt sind (Selektivität der Wanderung). Heterogenisierung und Alterung bedingen im Allgemeinen kleinere Haushalte und sind damit hauptsächliche Ursachen der Individualisierung bzw. Singularisierung.

Die sinkenden Geburtenzahlen führen darüber hinaus zu einem Bevölkerungsrückgang. Dieser Prozess wird häufig durch die Abwanderung aus insbesondere wirtschaftlichen Erwägungen verstärkt. In wirtschaftlich prosperierenden Regionen kann eine (Zu-)Wanderung diese Entwicklung abschwächen, den Gesamttrend jedoch weder aufhalten noch umkehren.

Den gleichen Effekt weisen internationale Wanderungen auf, die in den westlichen Industriestaaten zumeist Wanderungsgewinne erzeugen. In der Konsequenz führen diese zu einer kulturell-ethnischen Diversifizierung der Bevölkerung (Internationalisierung).


Diese Kernprozesse treten dabei zeitlich und regional mit höchst unterschiedlicher Intensität auf. In der Folge wird deutlich, dass Handlungsansätze immer situations- und regionsspezifisch ausgeformt sein sollten.

Aus Sicht der Landesregierung gelten folgende Thesen als Leitlinien für die Gestaltung des demografischen Wandels:

  • Die Gestaltung des demografischen Wandels ist eine ressortübergreifende Aufgabe mit Prozesscharakter. Die Debatten um den demografischen Wandel sind unabweisbare Zukunftsdebatten. Sie müssen daher sachlich, vorwärtsgewandt, vorbehaltlos, kreativ, handlungsorientiert und an den Menschen ausgerichtet, über Parteigrenzen und Legislaturperioden hinaus denkend geführt werden. Herausforderungen sind konsequent anzunehmen und sich bietende Chancen entschlossen zu nutzen.
  • Für die Gestaltung des demografischen Wandels gibt es kein Patentrezept. Die selbst auf engstem Raum zeitlich und räumlich differenziert sowie unterschiedlich stark auftretenden Auswirkungen des demografischen Wandels verbieten pauschale Aussagen und Strategien.
    Eine spezifische Betrachtung jeder einzelnen Region auf Landes- und Bundesebene sowie im europäischen Kontext hinsichtlich ihrer Entwicklungsperspektiven und Potenziale ist erforderlich, um auf deren Grundlage entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen und Strategien zu erarbeiten. Anpassung und Gestaltung sind dabei zwei Seiten ein und derselben Medaille.
  • Die Zukunft bringt einen Wettbewerb der Regionen. Politik und Verwaltung müssen sich vom Denken in administrativen Einheiten lösen und kooperativ, integrierend und grenzüberschreitend denken und handeln. Gerade im ländlichen Raum gilt es, vorhandene Potenziale unbeschadet von traditionellen Denkweisen zu nutzen und zu entwickeln. Die Zukunftsfestigkeit einer Region bestimmt sich in dem Maße, wie es gelingt, den demografischen Wandel erfolgreich zu gestalten.
  • Das Zentrale-Orte-System wird als Konzept der Sicherung der Daseinsvorsorge in allen Landesteilen gestärkt. Die Zentralen Orte sollen das Rückgrat der Landesentwicklung zur Stabilisierung (Ankerpunkt) oder Entwicklung (Impulsgeber) aller Landesteile bilden sowie als Standortsystem der öffentlichen Daseinsvorsorge dienen.
  • Die Infrastrukturen der Daseinsgrundfunktionen verlangen nach einer Weiterentwicklung und innovativen Ausgestaltung. Differenzierte Strategien und Lösungsansätze werden an die Stelle etablierter, zum Teil nicht mehr wirtschaftlich zu erhaltender Strukturen treten (z. B. dezentrale und mobile Infrastrukturen).
  • Privatwirtschaftliches und bürgerschaftliches Engagement sind unersetzliche Bestandteile bei der Daseinsvorsorge.
  • Der Freistaat Thüringen wird sich dafür einsetzen, dass die Förderbedingungen der Europäischen Union, des Bundes und des Landes flexibler werden und eine universelle und generationengerechte Nutzbarkeit ermöglichen.
    Alternative und flexibel einsetzbare Fördermodelle sowie Öffnungsklauseln in bestehenden Instrumentarien sind zu entwickeln und permanent auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen.
  • Angesichts des demografischen Wandels in Deutschland und gleichzeitig verlaufender entsprechender globaler Entwicklungen muss sich Thüringen noch konsequenter als Zuwanderungsland aufstellen und attraktive Bedingungen schaffen, um Abwanderung zu vermeiden.