Schrift kleiner | größer

Fokusthemen

Nahversorgung im ländlichen Raum

Nahversorgung im ländlichen Raum Die Versorgung mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs betrifft alle Bürger. Gerade in ländlichen Regionen erfüllen Lebensmittelgeschäfte nicht einfach nur Versorgungsaufgaben, sondern tragen aufgrund der damit verbundenen sozialen und kommunikativen Möglichkeiten auch zur Lebensqualität der Menschen bei.

Jedoch ist die Nahversorgung heute in vielen Orten bereits nicht mehr der Normalzustand oder es bestehen seitens der Bürgerinnen und Bürger nicht unberechtigte Sorgen im Hinblick auf die kommende Entwicklung. Schließlich kam es in den vergangenen zwanzig Jahren bereits in vielen Dörfern und kleinen Gemeinden zu einem Wegbrechen von Versorgungsstrukturen - angefangen von Gaststätten über Post- und Bankfilialen bis hin zu den Einkaufsmöglichkeiten.

Diese Entwicklung setzte sich in Folge der Konzentrations- und Modernisierungsprozesse in der Handelsbranche im Bereich der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs fort. So mussten in Deutschland von 1995 bis 2005 rd. 20.000 kleine Lebensmittelgeschäfte schließen, obwohl die Verkaufsfläche im gleichen Zeitraum bundesweit um 20 Prozent zunahm (KPMG (2006), Status quo und Perspektiven im deutschen Lebensmitteleinzelhandel 2006, S. 20.).

Die durch Bevölkerungsverluste, Alterung sowie Abwanderung junger Menschen und Familien verminderte Nachfrage lässt heute in vielen Orten keinen wirtschaftlich rentablen Betrieb von Versorgungseinrichtungen mehr zu. Traditionsreiche klein- und mittelständische Unternehmer müssen aufgeben oder finden keine Nachfolge, wenn sie in den Ruhestand gehen. Und für die Expansion der modernen Handelsunternehmen reicht das verbliebene Nachfragepotenzial in der Regel nicht aus.


Situation in Thüringen

Thüringen verfügt im Vergleich zwar über eine hohe Verkaufsflächenausstattung, diese ist jedoch überwiegend auf den hohen Anteil großflächigen Einzelhandels „auf der grünen Wiese“ zurückzuführen.

Tatsächlich kam es auch in Thüringen infolge des Verdrängungswettbewerbs und der abnehmenden Einwohnerzahlen zu einer deutlichen Abnahme an Verkaufsstellen und folglich gerade im ländlichen Raum zu einer Verschlechterung der Versorgungssituation. Erschwerend für die Wirtschaftlichkeit von Handelsbetrieben kommt in Thüringen die landestypische Kleinteiligkeit der Gemeinde- und Ortsstrukturen hinzu.


Zukünftige Entwicklung

Da die Prognosen der zukünftigen Bevölkerungs- und Kaufkraftentwicklung keine Verbesserung erwarten lassen, versuchen verschiedene Akteure der Handelsbranche neue Versorgungskonzepte für kleine Einzugsgebiete zu entwickeln, während andere Formate sich aus den entsprechenden Räumen zurückziehen.

Bei der Sicherstellung der Versorgung in ländlichen Regionen kommt daher insbesondere selbstständigen, lokal verwurzelten Einzelhändlern, Genossenschaften, Sozialpartnern und innovativen Lebensmittelgroßhändlern eine erhöhte Bedeutung zu.

Mehrere große Handelsunternehmen beliefern beispielsweise selbstständige Kaufleute und bieten entsprechende Nahversorgungskonzepte für kleine Verkaufsflächen (z. B. EDEKA nah&gut oder REWE nahkauf). Weiterhin gibt es eine Reihe regionaler Initiativen, die versuchen, die Marktnische der Kleinstflächen außerhalb von Städten zu bedienen.

Ein interessantes Beispiel hierfür ist das Nahversorgungs-Vertriebskonzept „UM’S ECK - Mein Kauftreff“ für Läden unter 250 qm Verkaufsfläche, welches in Süddeutschland von drei kooperierenden Lebensmittel-Großhändlern entwickelt und inzwischen bereits an rd. 200 Standorten umgesetzt wurde.


"Lädchen für alles"

Ein weiteres spannendes Projekt zur Sicherung der Nahversorgung in ländlichen Regionen oder unterversorgten Stadtquartieren ist das sog. „Lädchen für alles“. Dabei bietet das Handelsunternehmen tegut… aktuell ein Konzept zur gemeinsamen Umsetzung mit Gemeinden, Vereinen oder privaten Initiativen. Neben der Grundversorgung mit möglichst vielen lokalen Lebensmitteln sollen die „Lädchen für alles“ idealerweise weitere Dienstleistungen bündeln, den Einwohnern als Treffpunkt dienen und damit zur nachhaltigen Stärkung der örtlichen Gemeinschaft beitragen.

Das erste Thüringer „Lädchen für alles“ entsteht derzeit in der 1.400 Einwohner großen Gemeinde Schönstedt im Unstrut-Hainich-Kreis. Dort wurde nach der Schließung der letzten verbliebenen Verkaufsstelle im März 2011 mit viel freiwilligem Engagement, Kreativität und Umsetzungswillen ein kleines Lebensmittelgeschäft im Anbau des örtlichen Feuerwehrhauses errichtet, welches am 30. November 2011 eröffnen wird.
Betrieben wird der kleine Nahversorger durch Kaufmann Mario Jünge, der bereits über einen Supermarkt in Bad Langensalza verfügt.


Vier Fragen an ...

Über das Konzept sowie die Voraussetzungen und Erfolgskriterien für die Umsetzung dieser kleinen Nahversorger sprachen wir mit Frau Manuela Herz, Vertriebsberatung für das „Lädchen für alles“ bei tegut…

Ende November eröffnet in Schönstedt das erste „Lädchen für alles“ in Thüringen. In anderen Regionen sind mehrere solcher Märkte bereits seit einigen Monaten geöffnet. Wie fällt das Fazit nach der ersten Anlaufphase aus?

Die Möglichkeit sich selbstständig mit alltäglichen Gütern zu versorgen, ist für viele Menschen ein unverzichtbares Stück Lebensqualität. Die tegut… -Strategie mit dem „Lädchen für alles“ zielt darauf ab, die Grundversorgung zu sichern und damit die Lebensqualität in ländlichen Räumen zu erhalten.

Seit der ersten Eröffnung vor eineinhalb Jahren betreibt tegut… inzwischen acht „Lädchen für alles“ und es werden weitere hinzukommen, wie etwa am 30. November 2011 in der Thüringer Gemeinde Schönstedt im Unstrut-Hainich-Kreis.

Die bisherigen Erfahrungen sind durchweg positiv. Die Bewohner nehmen die Märkte an und sind sehr dankbar für die Möglichkeit der wohnortnahen Versorgung mit Lebensmitteln und Dienstleistungen sowie zur Kommunikation mit ihren Mitbürgern. Als besonders positiv werden die integrierte Sitzecke mit Service (z. B. Kaffeespezialitäten), das frische Backwarensortiment, die überraschende Sortimentstiefe, die einheitliche tegut…-Preisgestaltung sowie das Angebot ergänzender Dienstleistungen in den „Lädchen für alles“ bewertet. Idealerweise bieten die Märkte nämlich neben der Grundversorgung mit Lebensmitteln noch weitere Dienstleistungen mit an, wie etwa Post, Bankautomat, Kopierservice, Lotto oder Reinigungsannahme. Die Kommunikationsfunktion ist durch die Sitzecke in jedem Markt gegeben.

Die Gemeinden wiederum profitieren neben der erhöhten Attraktivität als Wohnstandort auch wirtschaftlich. Zum Einen durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze vor Ort und zum Anderen durch die Offenheit des Sortiments für lokale Produkte, wodurch einheimische Produzenten ihre Waren direkt anbieten und damit Wertschöpfung generieren können. Die wirtschaftliche Entwicklung der bisher eröffneten Märkte wird von tegut… als sehr zufriedenstellend bewertet.

Wie sehen die Expansionsplanungen für das „Lädchen für alles“ -Konzept aus?

tegut… plant, etwa 15 bis 20 „Lädchen für alles“ pro Jahr in seinem Expansionsgebiet (Hessen, Thüringen, Nord-Bayern und Süd-Niedersachsen) zu eröffnen. In Thüringen sind im ersten Quartal 2012 Neueröffnungen in Bad Langensalza sowie in Krauthausen vorgesehen.

Grundsätzlich betreibt tegut… keine eigene Standortsuche für das „Lädchen für alles“-Konzept, sondern prüft entsprechende an das Unternehmen herangetragene Anfragen von Gemeinden und sozialen Trägern auf ihre Umsetzbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Wie ist der Weg zur Umsetzung? Grundsätzlich gibt es zwei Betriebsformen. Entweder die „Lädchen für alles“ werden von selbstständigen Kaufleuten als Zweigfilialen geführt oder der Betrieb erfolgt durch einen Träger (z. B. Verein oder in privater Initiative). Diese Entscheidung hängt von der Größe des Ladens sowie den örtlichen Voraussetzungen ab. Nähere Informationen hierzu sowie zu den verschiedenen Größenmodellen des „Lädchen für alles“ finden sich in der Imagebroschüre.

Der Vorlauf ist jedoch stets identisch:

  • Prüfung und Auswahl des Standortes, des Objektes sowie der Betreiberform in Interaktion zwischen tegut…, Gemeinde und dem Träger.
  • Bürgerversammlung im Ort zur Bindung der Bewohner an das Lädchen.
  • Die Gemeinde oder der Träger/Betreiber stellen in Eigenleistung bezugsfertige Räumlichkeiten an einem geeigneten Standort zur Verfügung.
  • tegut… fungiert als Konzeptgeber, stellt das Inventar zur Verfügung und kümmert sich auf eigenes Risiko um Logistik sowie die Warenwirtschaft im Rahmen eines Handelsvertretervertrages. Weiterhin unterstützt tegut… den Betreiber bei der professionellen Führung des Marktes sowie beim Marketing.
  • Der Betreiber ist selbstverantwortlich für Personal und den laufenden Betrieb des Marktes.

Der Vorteil dieses Modells für den Betreiber liegt darin, dass sich die Waren im „Lädchen für alles“ durch den Handelsvertretervertrag weiterhin im Eigentum von tegut… befinden. Dadurch wird das unternehmerische Risiko für den Betreiber deutlich reduziert, da er die Waren nicht kaufen und damit finanziell in Vorleistung treten muss.

Was sind Erfolgsfaktoren?

Es braucht ein Zusammenwirken von gemeindlichem und privatem Engagement und die Bewohner des Ortes müssen hinter dem „Lädchen für alles“ stehen.

Auch deshalb findet im Vorfeld der Umsetzung eines Marktes stets eine Bürgerversammlung statt, um die Anwohner mit ins Boot zu holen und etwaige Vorbehalte auszuräumen.
Im Planungsprozess bedarf es einer Vorleistung der Gemeinde und der privaten Akteure, um die Bereitstellung der Immobilie sicherzustellen. Dies kann durch finanzielle Beteiligung, Bereitstellung von Materialien oder durch freiwillige Arbeitseinsätze erfolgen. Hier gilt: Je mehr Akteure sich beteiligen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das Projekt erfolgreich umzusetzen.

Im Betrieb muss es dann schließlich gelingen, die Bewohner, aber auch die Vereine im Einzugsbereich als Kunden an den Markt zu binden, um ausreichende Umsätze für einen tragfähigen Betrieb erwirtschaften zu können.

Als hilfreich erweist sich zudem stets die Ergänzung der Einkaufsstätte um weitere Dienstleistungen, wie etwa Post, Bankautomat, Lotto oder Reinigungsannahme. Durch die Bündelung möglichst vieler Funktionen und idealerweise durch Verknüpfung mit gemeindlichen, sozialen oder medizinischen Dienstleistungen kann rund um das „Lädchen für alles“ ein zentraler, lebendiger Treffpunkt entstehen, der zur Zukunftsfähigkeit der Gemeinde beitragen kann.

Lokalhelden gesucht

Die Lokalhelden Gründerwerkstatt sucht junge Menschen, die sich ihren Traum erfüllen wollen.…

mehr…

Bundesinnenminister de…

Am 16. März 2017 findet in Berlin der Demografiegipfel der Bundesregierung unter Teilnahme der…

mehr…